Arbeit neu denken

Wird Künstliche Intelligenz (KI) zukünftig viele Bereiche der Erwerbstätigkeit in unserer Gesellschaft ersetzen? Welche Tätigkeiten übernehmen dann überhaupt noch ihre menschlichen Gegenüber? Derlei Fragen mehren sich in den letzten Monaten, insbesondere durch die rasant fortschreitende Entwicklung leistungsfähiger und alltagstauglicher KI-Modelle. Doch weitet man die Perspektive, wird schnell klar, dass vielerlei Berufsfelder noch immer einen erheblichen Mangel an Fachkräften zu beklagen haben – und das vor allem auch in IT-Berufen, so etwa innerhalb der IT-Sicherheit.

Ein Gespenst geht um in Europa! Zu den multiplen, synchron stattfindenden Krisen ist Ende 2022 eine schlimme Vorahnung Realität geworden: Die Angst, dass künstliche Intelligenz uns Arbeit ab- und am Ende auch wegnimmt. ChatGPT steht stellvertretend für eine Technologie, die viele Tätigkeiten, die bisher der Mensch erledigt hat, angeblich schneller und manche sagen auch besser erledigen kann. Bestimmte Branchen und Menschen in z.B. kreativen und schreibenden Berufe fürchten schon um ihre Existenz – und natürlich kann der Bot auch Coden. Was bedeutet das für uns als Gesellschaft, als Wirtschaftsstandort?

Legt man den Fokus auf die Möglichkeiten der KI in vielen technischen Bereichen, so werden nicht nur Optimierungs- und gar Innovationspotential sichtbar, sondern es lassen sich bestimmte Verdrängungseffekte erahnen. Zoomt man allerdings heraus und vergrößert den Blick, so bietet sich ein ganz anderes Bild auf Technologien, Wirtschaft, Digitalisierung und Jobs.

Der Branchenverband für Informations- und Telekommunikationstechnik Bitkom beziffert den Mangel an IT-Fachkräften auf 137.000. Die Energiebranche warnte im Sommer 2022 vor einem Installationsinfarkt beim Ausbau der Photovoltaik und sah die Energiewende in Gefahr. Im Dezember 2022 wurde das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik BSI im Handelsblatt zitiert mit den Worten “grundsätzlicher Engpass” und weiter: “die Bedrohung im Cyberraum ist damit hoch wie nie”. Sie ahnen es, es geht um den Mangel an IT-Sicherheitsexperten in Deutschland, was auch zum Problem für die nationale Sicherheit wird. Die Reihe der Bespiele ließe sich fortsetzen. Der Mangel an Fachkräften ist überall zu spüren und die Lage ist noch gravierender, wenn man Pflegeberufe in die Betrachtung einbezieht. Die Politik reagiert mit Vorschlägen zu einem neuen Einwanderungsgesetz oder zu einem Weiterbildungsgesetz, das Mitarbeitenden die Möglichkeit garantieren soll, einen bestimmten Teil ihrer Jahresarbeitszeit für Weiterbildung einzusetzen.

Das alles passt gar nicht zu der Furcht oder auch Euphorie, dass KI viele unserer Aufgaben übernehmen, viele unserer Probleme lösen wird. Weil sie es in vielen Bereichen nicht kann. In Bereichen, in denen Menschen mit derartigen Kompetenzen benötigt werden, die ein Bot nicht hat. Werfen wir nur einen Blick auf den Aufbau der Batteriezell- oder Chipproduktion in Deutschland, die Wasserstofftransformation, die Digitalisierung der Produktion, die angesprochene IT-Sicherheit und viele weitere Bereiche, die mit einer Dynamik und Wucht daherkommen, dass klassische Pfade des Kompetenzaufbaus über universitäre und/oder Berufsausbildung nicht mehr funktionieren. Wir haben die Technologien und das Know-how, kennen Methoden und Verfahren. Allein, uns fehlen die Wissensträger. Weil sie schlichtweg noch nicht ausgebildet sind.

Berufsbegleitende Weiterbildung als Befähiger

Re-Skilling und Upskilling sollen diesen Schmerz lindern. Gemeint sind damit solche Prozesse, die es Mitarbeitenden erlauben, sich in häufig benachbarte, aber vom Aufgabengebiet her neue Berufsfelder einzuarbeiten, wie wir es bei der Elektromobilität erleben. Oder es geht darum, das bisherige Kompetenzprofil um zusätzliche Skills zu erweitern, ohne die die Aufgaben nicht mehr fachgerecht durchgeführt werden können, wie es derzeit der Fall beim Thema IT-Sicherheit ist oder bei der Automatisierung. Zu den beispielsweise durch Strukturwandel in bestimmten Regionen bedingten Umschulungsmaßnahmen kommt der Druck durch Transformationsprozesse. Dazu gehören auch solche, die durch geopolitische Ereignisse ausgelöst werden und eine Beschleunigung erfahren, wie z.B. Änderungs- oder Optimierungsprozesse in der Stahlbranche. Dort wo bisher Erdgas durch die Rohre zu den Öfen strömte, soll bald Wasserstoff fließen. Das ist fürs Klima gut und für die Unabhängigkeit vom Erdgas und den exportierenden Ländern. Eine solche Transformation, die für ein Jahrzehnt geplant war, soll plötzlich im besten Falle in der Hälfte der Zeit möglich sein. Das verlangt den betroffenen Branchen und ihren Mitarbeitenden viel ab: Veränderungsbereitschaft, Lernmotivation und ein hohes Maß an Selbststeuerung. Aber wie finde ich mich vor allem auch als Lernender zurecht in einem derart unübersichtlichen Angebot vielfältiger Anbieter mit ihren diversen Plattformen, Abschlüssen und Qualitätsversprechen? Die sich daraus ableitenden Herausforderungen für das Bildungssystem sind nicht geringer: Inhalte müssen priorisiert, didaktisch und menschenzentriert aufbereitet und sowohl in räumlicher als auch zeitlicher Hinsicht zugänglich sowie im besten Fall erlebbar gemacht werden.


Martin Priester

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