Eine Dating-Plattform für die angewandte Wissenschaft

Die angewandte Forschung steht vor einem Grundsatzproblem, das sich eigentlich schon implizit in ihrem Namen äußert. Die Verknüpfung von Forschung und Industrie, von wissenschaftlichen Erkenntnissen und konkreter unternehmerischer Anwendung stellt häufig eine große Hürde dar. Denn das Fundament der Zusammenarbeit, eine Kommunikation und ein gemeinsames Projekt anzubahnen, muss im Vorfeld gegossen werden.

Betriebliche Forschungsbedarfe mit Expertinnen-basierten wissenschaftlichen Lösungsansätzen zusammenzubringen, ist eine wesentliche Herausforderung der angewandten Forschung. Die Suche nach geeigneten Kooperationspartnerinnen ist aus unternehmerischer Perspektive mitunter eine fordernde Aufgabe. Mit 76 spezialisierten Forschungsinstituten und -einrichtungen ist die Organisationsstruktur von Fraunhofer vielschichtig und komplex. So stellt sie Interessentinnen und Kundinnen immer wieder vor Herausforderungen, etwa schnell und unkompliziert herauszufinden, welches Institut für die Erarbeitung von Lösungen einer konkreten industriellen Problemstellung in Frage kommt.

Sukzessives Lückenschließen

Mit »Fraunhofer Match« ist seit 2023 ein sogenannter »Single Point of Contact« in Betrieb, der es Kundinnen in nur wenigen Schritten ermöglicht, ihren Forschungsbedarf an einer zentralen Stelle zu äußern und anschließend in den Gesamtkosmos der Fraunhofer-Institute zu streuen.

Die Idee, diese vormalige Leerstelle mit einer von Fraunhofer eigens entwickelten Anwendung zu schließen, ist nicht neu. Bereits 2021, damals noch unter einem anderen Projektnamen, begann die Zentrale der Fraunhofer Gesellschaft in München mit der Erarbeitung eines Konzepts für die zügige Vermittlung von unternehmerischen Problemstellungen und Forschungsbedarfen an Fraunhofer-Institute. Dabei bediente man sich eines zeitgemäßen Produktentwicklungsansatzes, des sogenannten »Lean-Startups«. Kerngedanke dieses Vorgehens ist es, ein Produkt oder eine unternehmerische Dienstleistungslösung möglichst früh an die Kundinnen zu bringen, um die Bedarfsorientierung und Ressourceneffizienz zu steigern. Denn ein Produkt vor seiner Veröffentlichung unter hohem personellem Aufwand bis ins kleinste Detail zu entwickeln, gestaltet sich meist als äußerst ineffizient, vor allem, wenn Kundinnenfeedback erst nach der Markteinführung eingeholt wird. Zu groß sind dann die Anpassungsbedarfe, zu hoch die im Vorfeld aufgewandten Ressourcen und Kosten. Eine schrittweise Anpassung der ersten Version hin zum fertigen Endprodukt erscheint da wesentlich zweckmäßiger.

In diesem Sinne entstand Fraunhofer Match seit 2021 durch einen Prozess intensiver und sukzessiver Zusammenarbeit von internen und externen Akteurinnen: Ein Dienstleister entwickelte eine eigens für Fraunhofer zugeschnittene Web-Anwendung, das Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie (IMW) programmierte einen zentralen KI-basierten Klassifikationsalgorithmus, der in Kürze in das System integriert werden soll. Zusätzlich stand das Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit (AISEC) im Bereich Datensicherheit beratend zur Seite. Mitte 2023 ging die Fraunhofer Match-Plattform online und steht seitdem für Kund*innen-Anfragen offen – und wird in Zukunft kontinuierlich verbessert und erweitert, ganz im Sinne des »Lean Startups«.

So läuft das Matchmaking ab

Kernstück der Fraunhofer Match-Plattform ist das Matchmaking, also die Koordination von externen Anfragen mit wissenschaftlicher Expertise. Der im Hintergrund des Systems laufende Prozess vollzieht sich dabei auf zweierlei Arten: Top-Down und Bottom-Up. Top-Down heißt, dass im System eingehende Anfragen an die Fraunhofer- Allianzen geleitet werden – interne Kooperationen von Fraunhofer-Instituten, die einzelne Marktbereiche gemeinsam bearbeiten. Deren Expertinnen verfügen meist über einen umfänglichen Überblick des betreffenden Forschungsgebiets innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft und können einschätzen, welches spezifische Institut, welche Kolleginnen oder Projekte für die Lösung einer unternehmerische Herausforderung in Frage kommen könnten.

Im Gegensatz dazu ähnelt der Bottom-Up Ansatz innerhalb des Fraunhofer Match Systems eher dem klassischen Crowdsourcing. Jeder Fraunhofer Mitarbeiterin kann sich auf der Plattform registrieren, bisher sind es schon über 2000 Forschende, und eigene Interessens- und Kompetenzgebiete über Schlagworte abonnieren. Sobald eine in das System eingehende Anfrage dieselbe Verschlagwortung aufweist, erfolgt eine Benachrichtigung an die jeweiligen Fraunhofer-Expertinnen. Dieses Verfahren soll innerhalb der nächsten Monate durch den vom Fraunhofer IMW entwickelten KI-basierten Klassifikationsalgorithmus komplementiert werden, durch den die Zuordnung von externen Anfragen zu Expertinnen wesentlich intelligenter und vor allem feingranularer vonstattengehen soll.

Werden die Fraunhofer-Expertinnen benachrichtigt, ob Top-Down oder Bottom-Up, haben sie die Möglichkeit, erste Ideen zur Problemlösung zu skizzieren. Im nächsten Schritt werden diese Ideen an den potenziellen Kundinnen weitergeleitet. Ähnlich wie auf einer Dating-Plattform, wo Userinnen nach rechts oder links wischen können, können potenzielle Kundinnen nun die Lösungsansätze annehmen oder ablehnen – je nachdem, ob der Ansatz ihnen zusagt oder nicht. Im ersten Fall werden die Kontaktdaten ausgetauscht und die Kundin und Expertin können in direkten Kontakt miteinander treten.

Hilfe für alle technologischen Herausforderungen

Schon jetzt zeichnen sich mit der Bereitstellung von Fraunhofer Match bedeutende Erfolge ab, das zeigen die Statistiken. Insgesamt gingen bereits 150 Anfragen an Fraunhofer ein, 75 davon allein im Jahr 2023. Bei einem Großteil davon konnten Projektgespräche vermittelt werden, auch Projektabschlüsse sind in der relativ kurzen Laufzeit der Plattform bereits erzielt worden. Besonders interessant: Etwa die Hälfte der Anfragen kamen von Kund*innen außerhalb Deutschlands. Das vergegenwärtigt den signifikanten Mehrwert, den ein niedrigschwelliger »Single Point of Contact« für die Vernetzung von Wissenschaft und Unternehmertum hervorbringen kann. Denn zweisprachige Plattformen wie Fraunhofer Match etablieren eine barrierearme Möglichkeit der Initialkommunikation und erreichen damit Unternehmen, die die Hürden der Anfangsrecherche andernfalls nur mit großem Aufwand oder gar nicht hätten überwinden können. Vor allem für nicht-deutschsprachige Unternehmen ist das interessant. „Wir sagen, wir können bei nahezu allen technologischen Herausforderungen unterstützen. Und unsere bisherige Erfahrung mit der Plattform bestätigt das: für nahezu alle Fragestellungen melden sich kompetente Kollegen und Kolleginnen, die den Kunden helfen können.“, so Dr. Carl Heinze, Projektleiter digitale Transferplattform bei Fraunhofer und zuständig für Fraunhofer Match. Für die Zukunft sieht er große Möglichkeiten: „Ich bin überzeugt, dass wir eher noch am Anfang stehen und dass der digitale und plattformbasierte Wissenstransfer noch enormes Potenzial hat.“.

(rah)


Dr. Carl Heinze

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