Wie KI »Made in Germany« Sicherheit und Datenschutz vereint
Die öffentliche Sicherheit in unseren Städten steht vor einem Dilemma: Wie schützt
man hochfrequentierte Plätze, ohne dabei die Freiheit und Privatsphäre jedes
einzelnen aufzugeben? Ein Blick nach Mannheim und Hamburg zeigt, dass dies kein
Widerspruch sein muss. Das Fraunhofer IOSB entwickelt eine Künstliche
Intelligenz, die nicht auf Gesichter achtet, sondern mit Bewegungsmustern arbeitet
und damit einen neuen Standard für den Datenschutz setzt.
Urbane Verdichtung, hohe Mobilität und belebte Plätze machen unsere Städte lebenswert,
stellen die öffentliche Sicherheit jedoch zugleich vor neue Herausforderungen. Kriminalitätsbelastungen erfordern Wachsamkeit, doch gleichzeitig wächst in der Gesellschaft zu Recht die Sensibilität für den Datenschutz. Niemand möchte zum »Gläsernen Menschen« werden. Genau an dieser komplexen Schnittstelle setzt das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB an. Mit dem Projekt »Intelligente Videoüberwachung« verfolgen die Forschenden seit 2018 einen Ansatz, der Sicherheit und informationelle Selbstbestimmung nicht als Gegensätze versteht, sondern als gestaltbares Zusammenspiel. Was in Mannheim als bundesweit einzigartiges Pilotprojekt begann, wächst mittlerweile zu einem Ökosystem, in dem Forschung, Verwaltung und Polizei gemeinsam erproben, wie verantwortungsvolle KI im öffentlichen Raum funktionieren kann.
Die Technologie: Ein digitales Skelett statt Identifikation
Der entscheidende Innovationsschritt des Fraunhofer-Ansatzes liegt im Prinzip des
»Privacy by Design«. Anders als bei aktuell herkömmlichen Überwachungssystemen
oder dystopischen Zukunftsvisionen interessiert sich diese KI nicht dafür, wer zu sehen
ist, sondern ausschließlich dafür, was passiert.
Handlungsbasierte Erkennung
Das System ist darauf ausgelegt, auf die Analyse biometrischer Merkmale wie Gesichter zu verzichten. Stattdessen konzentriert sich die Software auf Bewegungsmuster. Sie wird darauf trainiert, Gefahrensituationen in Echtzeit zu erkennen, darunter: Würgen, Schlagen, Treten oder Schubsen.
Wird ein solches Muster erkannt, informiert das System das Führungs- und Lagezentrum der Polizei in Echtzeit. Die KI ist dabei als Assistenzsystem konzipiert: Die finale Bewertung der Situation sowie die Entscheidung über mögliche Maßnahmen liegen weiterhin beim Menschen.
Maximale Anonymität durch das »Digitale Skelett«
Um die Persönlichkeitsrechte der Passant*innen konsequent zu schützen, arbeitet das System mit einer starken Abstraktion. Die KI extrahiert aus den Videodaten lediglich Körperstellungen und Gelenkpunkte. Das Ergebnis ist eine abstrakte Strichfigur – ein »digitales Skelett«. Diese Figur besitzt kein Geschlecht, kein Alter, keine Identität und keine Herkunft. Die Analyse der Bewegungsmuster findet erst auf Basis dieser anonymisierten Daten statt. Das »digitale Skelett« ist somit die zentrale technische Komponente, die eine effektive Verhaltensanalyse von einer biometrischen Wiedererkennung trennt. Zusätzlich ist perspektivisch ein kaskadiertes Anonymisierungskonzept vorgesehen: Im Normalbetrieb bleiben irrelevante Szenen ausgeblendet. Erst wenn das System ein relevantes Verhalten erkennt, kann für die zuständigen Mitarbeitenden im Lagezentrum eine detailliertere Ansicht freigeschaltet werden. Sollte eine konventionelle Videodarstellung rechtlich nicht zulässig sein, kann stattdessen auch eine vollständig ausgeblendete Ansicht, etwa in Form eines schwarzen Bildschirms, als Rückfallebene dienen.
Pilotprojekt Mannheim: Ein Reallabor für die Zukunft
Seit 2018 ist die intelligente Videoüberwachung in Mannheim an ausgewählten Kriminalitätsbrennpunkten im operativen Testbetrieb und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Besonders erfreulich ist die Resonanz in der Bevölkerung. Im Mannheimer Sicherheitsaudit 2022/2023 bewerteten die Bürgerinnen und Bürger die Videoüberwachung mit der Note 2,3. Rund 58 Prozent gaben an, sich durch das System sicherer zu fühlen.
Validierung im Norden: Das Hamburger Pilotprojekt
Dass die Technologie auch in anderen urbanen Szenarien funktioniert, zeigt der Einsatz
in der Hansestadt Hamburg. Unter dem Titel »Intelligente Videobeobachtung« startete Mitte Juli 2023 am Hansaplatz im Stadtteil St. Georg ein erster Testlauf mit mehreren Kameras. Aufbauend auf diesen Erfahrungen wurde das System von Fraunhofer weiter ausgebaut. Seit 2025 werden zusätzliche Kameras in die IVBeo integriert. Auch hier steht der Schutz von Menschen vor Gewaltsituationen wie Schlägen oder Tritten im Mittelpunkt – unter den gleichen strengen Datenschutzvorgaben wie in Mannheim.
Ein Leuchtturmprojekt für verantwortungsvolle Digitalisierung
Das Projekt »Intelligente Videoüberwachung« beweist eindrucksvoll: Sicherheit und
Datenschutz schließen sich nicht aus. KI kann, wenn sie richtig konzipiert ist, als
wirksames Assistenzsystem dienen, das Einsatzkräfte entlastet und kritische Situationen
in Echtzeit meldet.
Die Technologie des Fraunhofer IOSB schafft Transparenz und Kontrolle, schützt durch die Skelett-Modellierung konsequent die Persönlichkeitsrechte der Menschen und bietet eine Blaupause für moderne Sicherheitsarchitekturen. Mit den Erfahrungen aus Mannheim und Hamburg entsteht ein bundesweites Reallabor, dessen Erkenntnisse weit über die beiden Städte hinausreichen.
Experte
Dr.-Ing. Mickael Cormier
Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB
Abteilung Videoauswertesysteme (VID)
